Mein Sport Mikrofon

28.07.2016

„Wir waren ein ganz fragiles Gebilde“

Palomas Denny Schiemann im Interview

Eine Klasse tiefer Denny Schiemann tritt in dieser Saison in der Landes- statt der Oberliga vor den Ball. Foto: noveski.com

In der vergangenen Saison stieg Denny Schiemann mit dem USC Paloma aus der Oberliga ab. Nun wartet auf den Mittelfeldspieler und sein Team der Neustart in der Landesliga. Im Interview verrät der 27-Jährige, was unter Ex-Coach Olufemi Smith falsch lief und was unter Neu-Trainer Steffen Harms dafür spricht, dass die „Tauben“ eher zu einem neuen Höhenflug ansetzen, statt weiter abzustürzen.

Sport Mikrofon: Herr Schiemann, haben Sie eigentlich schon alle Namen Ihrer neuen Mitspieler drauf? Das sind immerhin 15 Stück...
Denny Schiemann:
(lacht) Das ist kein Problem für mich. Es ist ja so, dass in jeder Transferperiode neue Spieler zu einer Mannschaft stoßen. Manchmal sind es sechs oder sieben, bei uns diesmal eben 15. Aber die Namen hab ich mir inzwischen schon alle gemerkt. Sie sind nur einer von neun Spielern des Kaders, die schon in der vergangenen Saison bei Paloma waren.

Haben sie so einen Umbruch schon einmal erlebt?
Schiemann:
Ich kann mich erinnern, dass es 2012 bei Altona 93 ähnlich war – aber da war ich einer von den vielen Neuen. So eine Situation kommt sicher nicht so häufig vor.

Ist diese hohe Fluktuation im Kader für den USC eher eine Chance oder ein Risiko?
Schiemann:
Ich glaube, dass es eine riesige Chance ist. Wir haben relativ viele junge, neue Spieler, die aus der A-Jugend kommen. Die präsentieren sich sehr wissbegierig und bringen Qualität mit. Klar müssen sie noch lernen, aber sie tun uns auf jeden Fall gut. Die letzte Saison lief für uns nicht toll, das kann man nicht anders sagen. Es ist gut, dass wir jetzt einen Neuanfang haben – sowohl, was das Personal und die Personalstruktur als auch das System angeht.

„Der Neuanfang ist eine riesige Chance“

Welche Gründe sprechen aus Ihrer Sicht denn dafür, dass dieser Neustart in der Landesliga für die „Tauben“ eher ein neuer Höhenflug statt ein weiterer Absturz wird?
Schiemann:
Dass wir mit Steffen Harms auch auf der Trainerposition neu besetzt sind und wir ein komplett neu zusammengewürfelter Haufen sind. Auch, dass wir taktisch anders aufgestellt sein werden. Es ist zwar noch viel Luft nach oben und wir müssen noch mehr zusammenwachsen, aber es klappt schon sehr gut.

Auf welchen der Neuzugänge kann man sich Ihrer Einschätzung nach am meisten freuen?
Schiemann:
Maxym Marx ist sicher ein Spieler, der uns mit der Erfahrung, die er bei Cordi in der Oberliga gesammelt hat, helfen wird. Das Gute ist: Unter den Zugängen haben wir viele verschiedene Spieltypen. Leo Istrefi, der von Condors A-Junioren gekommen ist, und Bastian Nendza zum Beispiel. Bastian ist auf der Sechser-Position eher der Typ „deutsche Eiche“, während Leo daneben eher ein Spielgestalter ist. Auch Leon Mandelkau macht einen guten Eindruck. Insgesamt verfügen wir über eine sehr ausgeglichene Mischung bei den Neuen.

Apropos neu: Auch Trainer Steffen Harms ist neu. Wie ist Ihr erster Eindruck von ihm?
Schiemann:
Sehr positiv. Er hat eine gute Trainings-Gestaltung, so dass auch die „Schweineienheiten“, in denen es eher ums Laufen geht, Spaß machen. Seine Spielidee gefällt mir, weil sie sich mit meiner deckt. Er setzt auf neue Systeme. Mir gefällt die Art und Weise, wie er arbeitet.

Was macht er anders oder besser als Olufemi Smith in der vergangenen Saison?
Schiemann:
Ich würde die beiden ungern miteinander vergleichen wollen, weil die Situationen unterschiedlich waren: Steffen hatte jetzt die Möglichkeit, seine Mannschaft zusammenzustellen. Femi hatte eine andere Druck-Konstellation. Er hat auch ein gutes Training angeboten. Ich finde, man kann das auch nicht richtig miteinander vergleichen bisher: Wir sind noch nicht im Liga-Alltag, in der Vorbereitung herrscht viel mehr Friede, Freude, Eierkuchen als in der Saison...

Ihr Ex-Teamkollege Milos Ljubisavljevic äußerte sich zuletzt im Sport Mikrofon, zwischen Smith und der Mannschaft habe es in der Vergangenheit nicht funktioniert. Wie sehen Sie das?
Schiemann:
Ich glaube, es hat nicht nur zwischen Femi und der Mannschaft nicht funktioniert, sondern auch innerhalb der Mannschaft. Wir waren ein ganz fragiles Gebilde. Femi hat nicht alles richtig gemacht. Das muss er als Trainer auch nicht. Aber wir als Team haben auch einiges nicht richtig gemacht – und wir sind die, die auf dem Feld stehen und die Verantwortung tragen

„Manchmal war ich zu verbissen“

Eingeständnis Denny Schiemann fehlte in der letzten Saison nach eigener Aussage die Lockerheit. Foto: noveski.com

Hat der Verein vielleicht den Fehler gemacht, mit Smith einen zu unerfahrenen Trainer zu installieren?
Schiemann
: Nein, das würde ich nicht sagen. Er war vorher schließlich ein halbes Jahr lang Co-Trainer unter Marco Krausz. Er kannte die Mannschaft. Und mit ihm und Marco hat es vorher ja auch geklappt. Anfangs haben wir unter Femi keinen schlechten Ball gespielt. Ich erinner mich, dass wir zum Beispiel bei der 0:1-Niederlage gegen Vicky erst in der 85. Minute das Gegentor kriegen... Es war nicht alles schlecht! Leider sind wir dann irgendwann in eine Abwärtsspirale geraten, die nicht mehr aufzuhalten war. Letztlich kann man festhalten, dass wir verdientermaßen abgestiegen sind und es auch für einan anderen Trainer sehr schwer geworden wäre, diesen Trend aufzuhalten.

Hätte der USC bereits vor dem Rücktritt von Smith im April 2016 reagieren und sich von ihm trennen müssen? Schiemann: Nein, das glaube ich nicht.

Welche Fehler hat die Mannschaft in der letzten Saison gemacht?
Schiemann:
Wir müssen uns vorwerfen, dass wir nicht zu einer Einheit zusammengewachsen sind. Die Leute haben zu sehr auf sich selbst geguckt. Die Qualität, um in der Oberliga zu bleiben, war im Kader auf jeden Fall vorhanden. Wir hätten sie zu 100 Prozent abrufen müssen – das konnten wir nicht. Welche Versäumnisse kreiden Sie sich selbst an? Schiemann: Manchmal war ich zu verbissen. Ich habe zu sehr gegrübelt. Die Lockerheit fehlte. Und ich habe es als ein Teil der Mannschaft nicht geschafft, bessere Stimmung ins Team zu bekommen.

Abschlussfrage: Sie waren 2015 live als Zuschauer beim Champions League-Finale in Berlin dabei. Was ist realistischer: Dass sie 2017 beim nächsten Finale in Cardiff auf der Tribüne sitzen oder im Mai 2017 mit Paloma die Rückkehr in die Oberliga feiern?
Schiemann:
Das war das bisher größte Sportereignis, das ich live miterlebt habe. Diese unheimliche gute Stimmung muss man vor Ort erlebt haben. Ich denke aber, dass der Aufstieg mit Paloma realistischer ist, als in Cardiff dabei zu sein...

Interview: Jan Knötzsch

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