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07.12.2016

NEUE SERIE: Hamburgs Nationalspieler

Folge 2: Hans Wentorf (Altona 93)

Das Eigengewächs des Eimsbütteler TV wechselte mit 17 Jahren zu Altona 93

Als kleiner Buttje wurde Hans Wentorf 1906 zunächst Mitglied des Eimsbütteler TV. An das Ballspielen hatte er zu dem Zeitpunkt keinen Gedanken verschwendet. „Ich fing als Jugendturner an, der Fußball faszinierte mich erst viel später.“ In der Turnabteilung des ETV erhielt er jedoch eine solide Grundausbildung in Sachen Körperertüchtigung, die ihm später auch zwischen den Pfosten zugute kam. Experten schrieben Wentorfs Geschmeidigkeit beim Hechten, Fausten und Springen den frühen Bemühungen in der Paradesportart von Turnvater Jahn zu. Im Alter von 17 Jahren tauschte Wentorf Barren gegen Ball und hütete zum ersten Mal das Tor der Ligamannschaft des ETV.
Doch 1922 war das Kapitel Eimsbüttel Geschichte. Der heiß umworbene Keeper wechselte zusammen mit seinen Klubkameraden Oskar Lüdecke und Waldemar Gilge nach Altona. Beim AFC bildeten die drei Wandervögel ein nur schwer zu bezwingendes Abwehrbollwerk. Der Schritt von Altona bis ins Tor der deutschen Nationalmannschaft dauerte dann noch sechs Jahre, obwohl Wentorf schon Mitte der 1920er-Jahre auf nationaler Ebene für Aufmerksamkeit gesorgt hatte.
1925 war für Wentorf ein zwiespältiges Jahr. Im Februar holte er mit Norddeutschlands Auswahlmannschaft den Bundespokal, dann vergeigte er mit seinem Klub aber die Norddeutsche Meisterschaft. Wentorf hatte an dem Erfolg im Bundespokal großen Anteil, was das Fachmagazin Fußball in seiner Vorschau schon kommen gesehen hatte: „Wenn Wentorf einen guten Tag erwischt, dann ist die Abwehr kaum zu schlagen.“
Der lang ersehnte erste Einsatz im Tor der Nationalmannschaft folgte am 15. April 1928 gegen die Schweiz in Bern. Im letzten Spiel vor den Olympischen Spielen in Amsterdam gelang dem Keeper ein hervorragendes Debüt. Er hielt sogar einen Strafstoß des Schweizer Verteidigers Ramseyer. Aber nicht nur Reaktionsschnelligkeit, auch eine gewisse Portion Mut gehörte zu seinen Stärken, die er selbst einmal folgendermaßen beschrieb: „Ich habe nie Hemmungen gekannt oder gar gezittert, wenn die Stürmer vor meinem Tor aufkreuzten.“
Die zwei Spiele bei Olympia, darunter die Skandal-Begegnung gegen die Uruguay (1:4, zwei Platzverweise für die Deutschen), blieben Wentorf erspart. In der ersten nacholympischen Partie war er wieder dabei und bestritt am 16. September 1928 gegen Dänemark in Nürnberg sein zweites und letztes Spiel in der Nationalelf.
Wentorfs Karriere endete plötzlich und unvermittelt. Zu Beginn des Jahres 1929 verabschiedete er sich ohne Vorwarnung zur Überraschung der Fachwelt vom Fußball. „Ich wüsste nicht einmal eine gut motivierte Begründung. Ich spürte ein gewisses Ruhebedürfnis und habe dann einfach nicht wieder angefangen“, sagte er Jahre später. „Mir genügt, am Montag einmal schnell über die Ergebnisliste zu huschen, die mir, da ich ja kein Laie bin, genug sagt.“
Die Faszination am Fußball hatte der Turner im Tor wieder verloren.
Volker Stahl


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