Mein Sport Mikrofon

28.07.2016

„Diese Aufgabe macht mich glücklich"

Roger Stilz im Interview

Seit Anfang Juni wieder in Hamburg: Roger Stilz. Foto: noveski.com

Er war Co-Trainer beim Hamburger SV und beim 1. FC Nürnberg. Anschließend absolvierte er den Fußball-Lehrer-Lehrgang. Jetzt ist Roger Stilz zurück in der Hansestadt. Seit Anfang Juni ist er Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums des FC St. Pauli. Im Interview spricht der 39-Jährige über seine neue Aufgabe, darüber, wie schwer es ist, als Verein die Früchte der eigenen Jugendarbeit zu ernten und wie er sich die Zusammenarbeit mit den Nachwuchstrainern vorstellt. Und er verrät, welches Urteil er in einem Jahr gerne über seine Arbeit lesen würde.

Sport Mikrofon: Herr Stilz, Sie sind jetzt seit etwas mehr als einem Monat wieder in Hamburg mit einer Aufgabe betraut. Wie fühlt es sich an, quasi wieder zu Hause zu sein?
Stilz:
Es fühlt sich so an, als würde man alte Bekannte treffen. Der große Vorteil ist, dass man nicht alle Leute, die einen hier im Fußball begegnen, neu kennenlernen muss.

Sie wirken entspannt. Verspüren Sie etwa keinen Druck, nachdem Sportchef Thomas Meggle im Zuge Ihrer Verpflichtung erklärte, er hoffe, dass jetzt mehr Spieler aus dem Nachwuchsbereich an die Profis herangeführt werden können?
Stilz:
Nein, Druck verspüre ich nicht. Ich weiß ja, was der Verein vorhat und sich mit der neu geschaffenen Stelle des Sportlichen Leiters im Nachwuchsleistungszentrum erhofft. Die Er-wartungen des Vereins decken sich mit meinen. Meggles Aussage hat mich nicht überrascht, denn natürlich ist es eines unserer Ziele, mit einer gezielten Ausbildung mehr Spieler aus dem eigenen Nachwuchs zu den Profis zu bringen.

Und die Perspektive, dass andere Vereine dem FC St. Pauli gute Talente wie zuletzt Sam Schreck (nach Leverkusen) und Youssoufa Moukoko (zu Borussia Dortmund) weg-schnappen, schreckt Sie auch nicht?
Stilz:
Gutes Wortspiel: „Schreck schreckt ab.“ Natürlich nicht. Ich kannte und kenne den Verein. Ich kann ganz gut einschätzen, was unser Faustpfand sein kann, wo wir punkten kön-nen und wo wir vielleicht in gewissen Momenten die Segel streichen müssen. Wir müssen es öfter möglich machen, dass talentierte Jungs bei uns bleiben. Ich möchte aber nicht zu sehr in der Vergangenheit wühlen, weil ich die Fälle Schreck und Moukoko gar nicht beurteilen kann.

Wie schwer ist es heute, die Früchte der Jugendarbeit selbst zu ernten?
Stilz:
Das Schwierige ist, dass das von vielen Faktoren abhängt. Man muss jeden Spieler als Projekt betrachten, und diese einzelnen Projekte sind wiederum von verschiedenen Faktoren abhängig. Bei dem einen ist es dieses Defizit, bei einem anderen jenes, warum es klappt oder nicht klappt. Es gibt allgemein einige Beispiele, dass es schwer ist, oben reinzurutschen, aber es gibt nach wie vor auch sehr gute Beispiele, dass es möglich ist, aus der eigenen Jugend Bundesligaspieler hervorzubringen. Dies soll auch unser Ziel sein.

"Nein, Druck verspüre ich nicht"

Von Ihnen ist der Satz überliefert, der FC St. Pauli müsse im Wettbewerb um Spieler kreativer sein als andere Vereine. Was meinen Sie damit genau?
Stilz:
Das kann ich nach der kurzen Zeit noch nicht so präzise beantworten, wie ich es gerne würde. Dafür ist die Analysezeit bisher zu kurz. Die Beantwortung dieser Frage würde ich gerne auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Ich habe Ideen, aber das Bild, das ich mir vom Ist-Zustand machen muss, ist noch nicht vollständig. Es wäre unseriös, sich jetzt schon dazu zu äußern.

Was macht den FC St. Pauli für Talente aus?
Stilz:
Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Wir werden uns mittelfristig zu gewissen Sachen intern abstimmen und damit das Gesicht des FC St. Pauli in der Jugendausbildung konkreter machen. Haben Sie bitte noch Geduld.

Nehmen wir mal an, ein Talent entscheidet sich für den FC St. Pauli: Was ist dann die größte Schwierigkeit beim Übergang vom Nachwuchs zu den Profis?
Stilz:
Nicht nur bei uns, sondern allgemein ist es so, dass es keine Formel gibt, von der ein Verein sagen kann: So klappt es auf jeden Fall. Man muss für jeden eine andere Formel ent-wickeln. Beim einen ist die Physis der entscheidende Punkt, bei einem anderen sind es die fußballerischen, taktischen oder technischen Dinge, und bei einem Dritten vielleicht die men-tale Belastbarkeit, die Persönlichkeitsentwicklung. Es ist unsere Aufgabe, individuell zu se-hen, was zum letzten Schritt fehlt, und daran zu arbeiten.

Mittlerweile werden selbst für 18-Jährige hohe Millionenbeträge gezahlt und schon 15- oder 16-Jährige verdienen Geld. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Stilz:
Das Business hat sich so entwickelt. Ich mache mir keine großen Gedanken, warum es so gekommen ist. Ich sehe, wie die Entwicklung ist, und nehme sie an. Man darf da nicht blauäugig oder romantisch verklärt herangehen, sondern muss sich im Markt auskennen und positionieren.

Wie problematisch ist es in diesem Zusammenhang, wenn schon 15- oder 16-Jährige einen Berater haben?
Stilz:
Das sehe ich nicht als ein Problem. Das Geschäft mit dem Fußball ist mittlerweile ein ganz großer Wirtschaftszweig geworden und bringt diese Beratertätigkeit einfach mit sich. Ich muss ehrlich sagen: Ich habe schon ganz tolle Berater kennengelernt. Es gibt aber auch ande-re, die sich meiner Meinung nach zu wenig um den Menschen kümmern. Letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Sowohl der Spieler als auch der Berater. Ich bin nicht derje-nige, der sagt, wie sie sich verhalten sollen.

"Jeder Spieler ist ein Projekt"

Reporter vor Ort: Jan Knötzsch 8re.) traf sich mit Roger Stilz an der Kollaustraße. Foto: noveski.com

Bei Ihrem Amtsantritt erklärten Sie, dass die Strukturen nicht starr sind, sondern Platz für neue Ideen lassen. Welche sind das?
Stilz:
Darüber kann ich noch nichts sagen. Auch hier gilt, dass ich mich noch in der Analyse- und Sondierungsphase befinde.

Wie muss man sich Ihre Arbeit und den Umgang mit den Nachwuchstrainern im Detail vorstellen?
Stilz:
Ich habe vom ersten Tag an das Motto „Erst der Mensch, dann der Inhalt“ ausgerufen. Ich möchte, dass jeder Einzelne zu Wort kommt. Nicht nur die Cheftrainer, sondern auch die Assistenten, Physiotherapeuten, Scouts und Pädagogen. Ich sehe mich nicht in erster Linie als Bestimmer oder Taktgeber, sondern auch als Moderator. Man muss auch gut zuhören können.

Wie wichtig ist der pädagogische Aspekt? Welche Verantwortung hat der Verein?
Stilz:
Es ist so, das viele Einflüsse auf die Jungs wirken, sei es familiär, schulisch oder durch Freunde. Natürlich hat der Verein eine große Verantwortung, wenn die Jungs bei uns sind. Allerdings darf der Verein auch nicht für alles verantwortlich gemacht werden.

Sie haben Ihre Ausbildung zum Fußball-Lehrer gemacht. Warum haben Sie sich für den Job als Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums entschieden? Reizt es Sie nicht mehr, Trainer zu sein?
Stilz:
Ich habe festgestellt, dass mir beide Bereiche, also die strategische Arbeit und die Trai-nerpraxis, Spaß bringen und ich in beiden nicht unfähig bin. Die Aufgabe, die ich jetzt habe, macht mich glücklich und ist für mich die spannendste, die ich wählen konnte.

Beim 1. FC Nürnberg arbeiteten Sie als Co-Trainer und wurden dort später freigestellt. Wie schwer trifft einen so etwas?
Stilz:
Es war die erste Freistellung meiner Karriere. Irgendwann erwischt es einen. Derjenige, der behauptet, das sei ihm egal, der lügt. Ich habe das für mich analysiert, mit mir wichtigen Leuten gesprochen, mich selbst reflektiert und bin zu Erkenntnissen gekommen. Im Nachhi-nein ist es nicht mehr so schlimm wie im Moment der Freistellung selbst.

Ist diese Freistellung einer der Gründe, warum Sie vorerst nicht mehr auf einer Trai-nerbank sitzen wollen?
Stilz:
Nein, diese Entscheidung fiel völlig losgelöst davon.

"Es wirken viele Einflüsse auf die Jungs"

Beim HSV waren Sie zuvor Co-Trainer unter Fink, van Marwijk und Slomka. Wie ha-ben Sie damals den Sprung aus dem Amateur- in den Profibereich erlebt?
Stilz:
Gewisse Sachen waren anders, aber andere sind gleich geblieben: Es ist immer noch ein Spiel elf gegen elf, und der Platz ist auch nicht größer. Klar, die Stadien sind voller und man lernt neue Mechanismen kennen, weil Fussball eben auch ein großes Business ist.

Wie intensiv verfolgen Sie die Situation beim HSV noch?
Stilz:
Ich möchte keinen Tag, den ich dort hatte, missen. Aber ich habe aktuell wenig Zeit, auf andere zu gucken. Für mich hat eine andere Zeitrechnung begonnen. Ich bin überzeugt, Man muss sich im schnelllebigen Fußballgeschäft auf die eigene Aufgabe und auf das, was in den eigenen vier Wänden geschieht, konzentrieren. Es muss das Ziel sein, bei sich zu bleiben.

Und in wie weit haben Sie noch einen Überblick über den Hamburger Amateurfußball?
Stilz:
Der beschränkt sich in erster Linie auf die Oberliga. Ich habe mich auch während der Zeit in Nürnberg über die Sport Mikrofon-Homepage informiert, was in Hamburg so läuft. Ich vergesse meine Wurzeln ja nicht ... (lacht) Aber der Fokus verschiebt sich natürlich klar auf Nachwuchsteams.

Wenn wir in einem Jahr an dieser Stelle wiedertreffen würden: Welche Schlagzeile über Ihre Arbeit der dann vergangenen 365 Tagen würden Sie dann am liebsten lesen?
Stilz:
(überlegt lange) Stilz macht St. Pauli stolz.

Interview: Jan Knötzsch

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